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jograetz

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Amateur-Modellen an erotischen Fotografien. Dabei versuche ich, nicht die gängigen Posen zu wiederholen, sondern animiere meine Modelle, etwas von ihrer Persönlichkeit in das Bild zu geben. Sei es ein ganz eigener Gesichtsausdruck oder Körpersprache, besondere Fähigkeiten wie akrobatisches Self-Bondage, Exhibitionismus, Körperschmuck oder einfach ein komödiantisches Talent - und wenn‘s nur ein unverschämtes Lachen ist. Es geht mir nicht um die Darstellung von perfekten, jungen, austauschbaren Körpern wie sie in jedem Männermagazin zu sehen sind, sondern um die individuelle, persönliche, Weiblichkeit.
Für verschiedene Motive habe ich einen eigenen Bildstyle kreiert - den „Cream-Style“. So genannt, weil die Bilder einen unverkennbaren cremigen Look aufweisen. Hauttöne erinnern an leckere Caramel-Creme, was die weiblichen Rundungen noch appetitlicher macht. Wenn es das Motiv hergibt, bringe ich als kontrastierende Farbe ein wiederum süßes Türkis, manchmal ein stumpfes Petrol oder frisches, sattes Grün ins Spiel. Bisweilen unterstreicht auch ein kräftiges Rot den ohnehin schon sehr warmen Charakter. Inspiriert dazu haben mich die Pinups von Alberto Vargas ebenso wie die alten Meister des endenden Mittelalters. Allen voran das Selfmade-Genie Leonardo da Vinci. Eine schlichte 79 Cent iPhone-App tat ein Übriges und der „Cream-Style“ ward geboren.
Appropos Leonardo: er selbst nannte es als sein vornehmstes Ziel, beim Betrachter Gefühle auszulösen. Er erklärte sich diese Gefühle damit, dass sich der Betrachter unbewusst in die Figuren des Bildes hineinversetzen lässt. Und dabei benutzt er nicht etwa seinen Verstand - er erlebt vielmehr die Emotionen der gemalten Menschen am eigenen Leib mit. Lächeln und Gähnen stecken bekanntlich an, weil wir ungewollt die Regungen anderer imitieren. Auch können wir innere Qualen erleben, wenn wir einen in Schmerz verkrümmten Leib ansehen.
Dass der Maler diesen Effekt ausnutzen müsse, hatte schon 1435 Leon Battista Alberti, ein Vordenker der Renaissancekunst, in seinem einflussreichen Buch über die Malkunst gefordert. Und Leonardo griff den Gedanken auf: „Die wichtigste Erwägung des Malers ist es, dass die Bewegung jeder Figur deren Geisteszustand ausdrückt, wie Sehnsucht, Hohn, Ärger, Mitleid und so fort... Sonst ist die Kunst nicht gut“ Gelinge das Werk aber so würden beim Betrachter ähnliche Regungen ausgelöst: „Wenn das Bild Schrecken, Furcht, Flucht, Trauer, Weinen und Klagen darstellt oder Lust, Freude, Lachen und ähnliche Zustände, soll bei denjenigen die es betrachten, der Geist die Gliedmaßen veranlassen, sich so zu bewegen, dass sich die Betrachter in derselben Situation glauben wie die Figuren auf dem Bild“. Gefühle übertragen sich also vom bildhaften Körper zum lebenden.
Dass diese vor 500 Jahren gewonnene Erkenntnis tatsächlich zutrifft, konnte die Hirnforschung erst in den letzten Jahren schlüssig beweisen. Die Neurophysiologen fanden sogar spezielle Hirnzellen, die uns helfen uns in andere Menschen einzufühlen, allein durch Beobachtung. Weil diese Neuronen die Regungen des anderen Menschen im eigenen Körper spiegeln, nennt man sie Spiegelneuronen: Sie befehlen etwa den Gesichtsmuskeln zu lächeln, wenn wir einen glücklichen Menschen sehen. Das Gehirn deutet dann diese Muskelbewegungen als Ausdruck eigener Freude - und lässt uns tatsächlich gute Gefühle empfinden.

Nichts anderes als eine Reaktion des Betrachters möchte auch ich mit meinen Bildern herbeiführen: Neugier, Interesse, Freude, Überraschung, auch Gier und Lust oder einfach nur Spaß und Vergnügen. Dazu bringe ich gerne eine weitere Variante ins Spiel - den anonymen Akt - in dem das Gesicht des Modells nicht oder kaum erkennbar ist. So bildet der erotische Körper ohne Antlitz mehr Spielraum für den Betrachter, eine bekannte, geliebte, vielleicht begehrte Person oder gar sich selber, hineinzuprojizieren.
Mancher möge dahinter eine Reduzierung der Frau auf den Körper und bloße Zurschaustellung vermuten. Jedoch ist es gezielte Konzentration auf die Körpersprache die das Modell für sich selbst kreieren darf. Ich gebe nur Hilfestellung und hole mit Licht und Perspektive ein Höchstmaß an Ästhetik heraus. Zudem möchte nicht jede Frau die sich einmal lasziv und erotisch zeigt, später in der Öffentlichkeit gleich wieder erkannt werden. Es handelt sich ja wie schon erwähnt nicht um Profi-Modelle. Mit dieser Sicherheit genießt manche Frau ihren angeborenen Exhibitionismus geradezu ekstatisch. Wer jemals ein Shooting beobachten durfte, der weiß wie respektvoll und bewundernd ich meine Modelle behandle. Nur das Modell allein bestimmt wie viel und was es einem späteren Betrachter der Bilder zeigen möchte.
Dass ich mich gerne von Malern inspirieren lasse kommt nicht von ungefähr. Ich selber wollte ursprünglich zur Malerei, weil sich damit Ideen ohne weiterer Hilfsmittel außer Pinsel und Leinwand aus dem Nichts umsetzen lassen. Allein mein mangelndes Zeichentalent ließ mich schon sehr schnell zur Kamera greifen. Die Ausarbeitung am Computer mit Grafikstift und -Tablet lässt mich zumindest teilweise meine zeichnerischen Ambitionen ausleben und den ursprünglichen Wunsch schnell vergessen. Die heutige HDR-Fotografie kommt da meinem Streben sehr entgegen - erfordert sie doch viel handwerkliche Nacharbeit am Computer. Das erklärt auch den malerischen Touch den einige meiner Fotografien aufweisen.
Ein schon älteres Stilelement meiner Fotografien ist die Bewegungsunschärfe. Sei es um - wie schon beschrieben - ein Gesicht unkenntlich zu machen, oder um einfach nur Dynamik und Leben ins Bild zu rufen. Die Fotografie hat dem Movie ja voraus, eine Geschichte, ein Gefühl, einen Wunsch oder die berühmten tausend Worte, in einem ebenso kurzen Bruchteil einer Sekunde in dem es auch entstanden ist, auf den Betrachter übertragen zu können. Dazu ist Schärfe und Unschärfe das Mittel der Wahl um das Auge des Betrachters zu lenken oder abzulenken oder herumzuführen. In der Erinnerung des Betrachters bleibt deshalb noch sehr viel mehr als nur dieses eine Bild dieser einen zehntel Sekunde haften.

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